Globale Infrastrukturen und ästhetische Vorstellungsräume – ein Rückblick auf unsere Ausstellungen 2025

(c): Martin Grabner

30.03.26

2025 konnten wir vier Ausstellungen zu unserem Jahresthema „Infrastrukturen“ verwirklichen. In einer weiteren Ausstellung erinnerten wir an unsere Mitgründerin, die Fotografin, Architektin und Kuratorin Erika Petrić. Wie in den vorangehenden Jahren hat sich die Art und Weise, in der wir Ausstellungen machen, weiterentwickelt – dafür danken wir auch den Künstler:innen, die die Ausstellungen mit uns zusammen realisiert haben. Weiterentwickelt hat sich auch unser eigenes Verständnis von dem, was wir tun – der Rückblick auf die Anfänge der Galerie war ein Anlass es zu reflektieren.

Ausstellungen zu Infrastrukturen

In allen vier Ausstellungen zum Thema „Infrastrukturen“, die wir 2025 gezeigt haben, ging es um Verkehrsinfrastruktur: um die Reinigung von Straßen in der ghanaischen Hauptstadt Akkra (Samira Saidi – beyond lost roads), um Material und Strukturen von Straßen und Brücken in der Steiermark (Tom Biela – Strukturen des Fließens), um einen aufgelassenen Athener Flughafen (Markus Krottendorfer – Terminal) und um die Häfen der nördlichen Adria Komuna Maro. Alle diese Verkehrsinfrastrukturen gehören zu einem globalen hyperurbanisierten Raum. Die Ausstellungen sollten Vorstellungsräume öffnen, eine „verrückte“ (im Wortsinn), experimentierende Erfahrung von zugleich lokalen und planetaren, vertrauten und fremden räumlichen Wirklichkeiten ermöglichen.

Samira Saidi zeigt in ihrer Fotoserie lokalen Aktivismus in einem postkolonialen Raum: Freiwillige reinigen die Straßen in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Sie kümmern sich um ihre Umwelt, weil Institutionen versagen. Die Straße, die den Schauplatz von Samira Saidis Serie bildet und von den BUZ STOP BOYS gepflegt wird, liegt dabei genau zwischen der Innenstadt von Accra, die durch ihren Flughafen mit den anderen globalen Metropolen verbunden ist, und den ärmeren Gebieten der Stadt, deren Lebensbedingungen eher denen des Umlands entsprechen.

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Ansicht der Ausstellung „Beyond lost Roads“ mit Bildern von Samira Saida. (c) Martin Grabner

In der Ausstellung wurden die Reportage-artigen Bilder mit einem erläuternden Text präsentiert. Porträts der Agierenden und die vom Asphalt der Straße und den Feuern zum Verbrennen des Abfalls dominierten Szenerien sorgten für die Verbindung der Bilder untereinander.

Während Samira Saidis Serie zeigt, dass die fremd wirkende Umgebung einer afrikanischen Stadt uns in vielem nah ist, heben Tom Bielas Arbeiten in „Strukturen des Fließens“ die Fremdartigkeit und Unwahrscheinlichkeit einer uns scheinbar vertrauten Umgebung hervor. Einige Exponate durchbrachen die Grenze zwischen Bild und Objekt: die Darstellungen steirischer Brücken dadurch, dass sie auf mit einer Photoemulsion präparierten Beton belichtet wurden, sowie Asphalt, der skulpturartig in den Ausstellungsraum integriert wurde. Weitere Elemente der Ausstellung waren Fotografien, die Infrastrukturelemente in einer fast an Andachts- oder Meditationsbilder erinnernden Ästhetik zeigten.

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Detail der Ausstellung „Strukturen des Fließens“. (c) Tom Biela

Auch für die Ausstellung „Terminal“ wurde der Ausstellungsraum transformiert: Die meisten Bilder wurden auf hölzernen Stehern platziert, die in ähnlicher Weise eine Alternative zur üblichen Wandhängung bilden wie Markus Krottendorfers Bilder Alternativen zur gewohnten Wahrnehmung technischer Wirklichkeit zeigen. Die Aufnahmen der Ausstellung zeigen dabei bereits obsolet gewordene Infrastuktur. Im Mittelpunkt standen Fotos des aufgelassenen Athener Flughafens Ellenikon. Erfahrbar wird so der utopische Gehalt von Infrastruktur, und zwar auch in seiner Irrealität und Vergänglichkeit.

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Detail der Ausstellung „Strukturen des Fließens“ mit Bildern von Markus Krottendorfer. (c) Martin Grabner

Komuna Maro thematisiert die Infrastrukturen der nördlichen Adria, vor allem Häfen und Schiffahrt. Die Elemente der Ausstellung sind so gestaltet, dass sie selbst leicht transportiert werden können. Drei große Bücher mit Fotos und Texten waren – nach dem Vorbild der Portolanbücher früherer Schiffe – auf leicht zusammenklappbaren Tripods aufgelegt. Bilder des Meers in der Nähe der Küste wurden nur bewusst provisorisch mit dünnen Nägeln an die Wand gesteckt.

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Detail der Ausstellung „Komuna Maro“. (c) Martin Grabner

Planetarer Realismus

Alle Ausstellungen thematisierten die enormen materiellen Bestände der Technosphäre, die wiederum enorme Materialflüsse erlauben bzw für sie nötig sind. Man kann die Ausstellungen und die in ihnen gezeigten Werke im Sinne einer Ästhetik des planetaren Realismus (Josephine Berry) verstehen, der eine Realität wahrnehmbar macht, die für die Veränderung des Erdsystems und das Ende des Holozäns verantwortlich ist. Präsent gemacht wurden die Dimensionen einer auf der Extraktion von Mineralien beruhenden technischen Realität, die immer im Widerspruch zur organischen, menschlichen Wirklichkeit steht und zugleich selbst etwas Prekäres hat und sich immer wieder selbst zerstört.

Ausstellungsraum und räumliche Praxis

Gestaltet wurden in den Ausstellungen Vorstellungsräume, die auf reale Räume, räumliche Praktiken und das Wissen über Räume bezogen sind. Die Gestaltung der Vorstellungsräume kann durch eine reduzierte Erzählung erfolgen wie bei Samurai Saidi, durch Kontemplation und Verblüffung wie bei Tom Biela, durch Transformation und Imagination, die Selbstverständlichkeiten aufhebt, wie bei Markus Krottendorfer oder durch eine transitorische Inszenierung, die die spielerische Teilnahme an den Bewegungen in einem marinen Raum erlaubt wie bei Komuna Maro. Durch Verschiebungen von Perspektiven haben wir versucht, die utopischen und dystopischen Potenziale von Infrastrukturen erfahrbar zu machen

Erinnerung an Erika Petrić

Die einleitende Ausstellung Erika Petrić – Photographs, Writings, Interviews zeigte die fotografischen Arbeiten von Erika Petrić, in der sie sich mit der städtischen Realität wie mit der privaten gebauten Realität in unserer Region beschäftigte. In dieser Ausstellung haben wir versucht, den experimentellen Charakter ihrer Arbeiten und auch die Gewaltsamkeit, mit der diese Arbeit durch eine tödliche Erkrankung unterbrochen wurden, spürbar zu machen.

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Detail der Ausstellung „Erika Petrić – Photographs, Writings, Interviews“. (c) Martin Grabner

Details zu den Ausstellungen und zu den ihnen zugrundeliegenden Fragestellungen auf unserer Archivseite

Zur Wirkung unserer Arbeit 2025

Wir haben 2025 an der kuratorischen Qualität unserer Ausstellungen gearbeitet – durch Veränderungen des Ausstellungsraums, durch eine bewusstere individuelle Gestaltung der Ausstellungen und durch die Betonung des Zusammenhangs der Ausstellungen eines Jahres bei den Veranstaltungen.

Die Gestaltung der Ausstellungen wurde von unserem Publikum durchgehend sehr positiv wahrgenommen.

Im Vergleich zu den Vorjahren war unser Publikum konstanter. Eine Gruppe von Interessierten besuchte alle oder die meisten Ausstellungen. Das ermöglichte intensivere Gespräche über die ausgestellten Arbeiten und die hinter ihnen stehenden Konzepte. Wir kamen damit unserem Ziel, Diskurse über Fotografie, speziell über Architektur- und Landschaftsfotografie, anzustoßen, näher, und konnten uns noch besser mit der fotointeressierten Szene in Graz verknüpfen.